brief an den vater. FRANZ KAFKA


 
Regie: Barbara Weber
Bühne: Sara Giancane
Kostüme: Madlaina Peer
Musik: Knut Jensen
Dramaturgie: Britta Kampert
Mit: Thomas MüllerMalte SundermannSigi Terpoorten
 
Premiere am 8. Mai 2010, Saal

Wenn wir Kafkas Texte aus der Hand legen, können wir nur schwer über die Ursachen unserer Erschütterung Rechenschaft ablegen. Wir lesen, staunen, denken, zweifeln. Der Kosmos Kafka scheint fremd und vertraut zugleich. Doch wer spricht da? Hundertseitige Briefe, zahllose Tagebucheintragungen, Miniaturen und Entwürfe sind Zeugnisse von Kafkas exzessiver, nächtlicher Schreibwut. Die Inszenierung von Barbara Weber begleitet Kafka auf seiner Flucht in die Literatur und auf seiner Gratwanderung zwischen fiktiver Realität und phantastischer Vision. Dabei steht nicht nur die unausweichliche Schicksalhaftigkeit seiner Texte im Zentrum der Suche, sondern die einzigartige Kombination aus Tragik und Ironie, die Kafkas Witz ausmacht. 

„Er ist ein lachender Autor, erfüllt von einer tiefen Fröhlichkeit, trotz oder gerade wegen seiner Clownerien, die er wie eine Falle aufbaut oder wie einen Zirkus vorführt." (Gilles Deleuze)

Der nie abgeschickte „Brief an den Vater" gilt als Schlüssel zum dichterischen Werk Franz Kafkas. Dieses Zeugnis eines existentiellen Vater-Sohn-Konflikts ist Anklage und Selbstanalyse zugleich und vermittelt einen eindrucksvollen Einblick in Kafkas kompliziertes Seelenleben. Kafkas Abrechnung mit seinem autoritären Vater ist ein biographisches Dokument, das die Lebenssituation Franz Kafkas, seine Selbstwahrnehmung und die Beziehung zum Vater am deutlichsten enthüllt.

Franz Kafka hat den „Brief an den Vater" im Alter von 36 Jahren, fünf Jahre vor seinem Tode, geschrieben. Er stand damals auf der Höhe seines literarischen Schaffens. Der in nur drei Tagen im November 1919 entstandene Riesenbrief ist jedoch mehr als nur ein Dokument von Kafkas Lebenswirklichkeit. Hier rührt er an den tiefsten Wurzeln eines paradoxen und unabschliessbaren Kampfes gegen sich und gegen die Welt.

Der Schreibtisch ist für Kafka ein elementarer Ort. Er ist ein nächtlicher Ort, an dem sich der Versicherungsvertreter Kafka in den visionären Schriftsteller verwandelt, ein Ort der Verunsicherung, der Verschiebung, des Verdichtens. Hier versetzt sich Kafka im Moment des Schreibens in einen sphärischen Zustand, in dem sich alle Fragen des Alltags, alle Nöte, Ängste und Bedrängungen auflösen. Es gibt nur noch die Sätze, die er aneinanderreiht.

Kafka verwandelt sich in diesem Augenblick in eine Art Schreibwesen, das die Logik des Realen in einem Prozess der Sublimation und Destillation in Literatur verwandelt. So entstehen die Romane „Amerika" und „Der Prozess", die Novellen „Das Urteil", „Die Verwandlung" und „Die Strafkolonie". Hier am Schreibtisch füllen sich in der Nacht die Tage-bücher mit Notizen und Fragmenten, und im November 1919 in einer minutiösen Gedächtnisleistung in nur drei Tagen der „Brief an den Vater", den Kafka nie abschicken wird. Nach dem Erwachen in die Alltagsexistenz verwirft Kafka vieles, von dem in der Nacht Notierten. Anderes bleibt auf dem Schreibtisch zurück, um in der nächsten oder übernächsten Nacht Anlass zu geben, erneut zwischen den Sätzen zu versinken. So ist Kafkas Leben vom Schreiben irgendwann nicht mehr zu trennen, weil das Schreiben als ein anderes Leben gesucht und gefunden wird.

Peter von Matt beschreibt diesen Vorgang der Auflösung: „Kafkas Schreibzustand, den er sucht und ersehnt und umwirbt wie ein Verliebter die Geliebte und der in der Tat eine eminent erotische Verfassung ist, hat mit der écriture automatique der Surrealisten mehr zu tun als mit der umsichtigen Prosaarbeit der Erzähler aus dem 19. Jahrhundert. Dieser Autor ist nicht Herr über sein Schreiben, sondern das Schreiben ist
ein Teil seiner selbst, seines physischen Vorhandenseins. Er selbst wird Sprache. Sein Fleisch wird Wort. In unheimlicher Weise kehrt sich hier der Satz aus dem Anfang des Johannesevangeliums um: et verbum caro factum est - das Wort ist Fleisch geworden." (Peter von Matt)

Stoische Arbeit am Tag, exstatisches Schreiben in der Nacht! - Ausgehend von biographischen Bezügen, vom Fragmentarischen und von Kafkas   Texten „Brief an den Vater" und „Der Prozess", macht sich das Theater Neumarkt auf die Suche nach Franz Kafkas Doppelexistenz und seiner Sehnsucht nach der totalen Projektion des Körpers in die Sprache, nach seinem Traum, den ganzen Leib auszuschreiben und in der Sprache zu
verschwinden.